Kevin Kelly und die Zukunft des Web

Das (öffentlich zugängliche) Web ist gerade mal 15 Jahre alt. Niemand konnte sich in seiner Anfangszeit auch nur im Entferntesten vorstellen, welch rasante Entwicklung dieses Medium nehmen würde. Der Autor, Herausgeber und Verleger Kevin Kelly versucht, das eigentlich Unmögliche, nämlich die zukünftige Evolution des Web zu antizipieren.

Kevin Kelly @ TED Talks

In seinem inspirierenden TED Talk Predicting the next 5,000 days of the web, aufgenommen im Dezember 2007, benutzt er verschiedene Analogien und Metaphern, um die sich entfaltende Natur des Web zu beschreiben: ein globaler Verstand, eine große Maschine, die ohne Unterbrechung funktioniert; ein riesiger Organismus, in dem das Atomare und das Digitale konvergieren; das Internet of Things, in dem nicht mehr nur Seiten, sondern Objekte, Daten und Ideen verlinkt sind; das Eine, in dem letztendlich alles miteinander verbunden ist.

Auf seinem Blog The Technium führt er diese Überlegungen in zwei aktuellen Artikeln weiter aus. In Cloud Culture beschreibt er die Entwicklung hin zur Cloud World, wo alle unsere Arbeiten und Daten, egal auf welchen Geräten produziert, in einem omnipräsenten Web gespeichert sind.

In the future, the cloud and cloud intelligence will be our Golden Compass demons. Separation from the advice and comfort afforded by the cloud will be horrendous and unbearable. […]

If McLuhan is right that tools are extensions of our selves — a wheel an extended leg, a camera an extended eye — than the cloud is our extended soul.  Or, if you prefer, our extended self.

In Evidence of a Global SuperOrganism stellt er die Hypothese auf, dass sich durch die Vernetzungsmöglichkeiten des Internet und aller angeschlossenen Rechnerkapazitäten ein globaler Superorganismus entwickelt, der auf dem Weg ist, ein autonomes Bewußtsein hervorzubringen.

It in a certain way it already is. Whenever you are online, whenever you click on a link, or create a link, your processor is participating in the yet larger cloud, the cloud of all computer chips online. I call this cloud the One Machine because in many ways it acts as one supermegacomputer. […]

This megasupercomputer is the Cloud of all clouds, the largest possible inclusion of communicating chips. It is a vast machine of extraordinary dimensions. It is comprised of quadrillion chips, and consumes 5% of the planet’s electricity. It is not owned by any one corporation or nation (yet), nor is it really governed by humans at all. Several corporations run the larger sub clouds, and one of them, Google, dominates the user interface to the One Machine at the moment.

Mich erinnert das vom Ansatz her an Teilhard de Chardin’s Konzept der Noosphäre, das der oben zitierte Marshall McLuhan später aufgriff und definierte als „kosmische Membran, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer verschiedenen Sinne rund um den Globus gelegt hat“. Auch Volker Strübing näherte sich dem Thema in Das besoffene Internet mit einigen interessanten Überlegungen:

Ich finde die Vorstellung faszinierend, dass es irgendwann zu Bewusstsein erwacht. Oder schon zu Bewusstsein erwacht ist … wer weiß? Denn selbstverständlich würden wir nichts davon bemerken. Ein einzelnes Neuron, dass Signale erhält und bei Erreichung des Schwellenpotetials weiterleitet, weiß nichts davon, dass es gerade daran mitwirkt, einen Eintrag im Schnipselfriedhof zu verfassen. Und ein Mensch, der gerade einen Eintrag in sein Weblog schreibt, in einem Online-Spiel ein Monster killt oder eine wütende Email schreibt, nachdem der Ärger über andere Emails sein Schwellenpotential erreicht hat, ahnt nicht, dass er in Wirklichkeit nur von diesem neuerwachenden Bewusstsein dazu benutzt wird, den Gedanken “Ich denke, also bin ich” hervorzubringen …´

[HInweis auf Kevin Kelly Video & Artikel: Markus Spath / netzwertig.com]

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Web 3.0 auf Wiedervorlage

Das Thema Web 3.0 kommt in schöner Regelmäßigkeit auf den Tisch und sorgt doch immer wieder für erhöhte Aufmerksamkeit und aufgeregte Diskussionen. Vor knapp einem Jahr war es John Markoff, der mit seinem Artikel ‚Entrepreneurs See a Web Guided by Common Sense‘ für die New York Times eine mittlere Welle erzeugte. Im August dieses Jahres gab Google CEO Eric Schmidt auf dem Seoul Digital Forum seine Aufsehen erregende Definition von Web 3.0 zum Besten.

Vor kurzem zettelte Jason Calacanis mit ‚Web 3.0, the „official“ definition‘ eine neue Balgerei an. Seine knappe Definition ist ganz offensichtlich auf seine ‚human-powered‘ Suchmaschine Mahalo zugeschnitten:

Web 3.0 is defined as the creation of high-quality content and services produced by gifted individuals using Web 2.0 technology as an enabling platform.

Das Echo ließ nicht lange auf sich warten. Auch Tim O’Reilly konnte nicht umhin, in ‚Today’s Web 3.0 Nonsense Blogstorm‘ seinen Senf dazuzugeben. In dieser Post setzt er sich dann aber weniger mit Calacanis sondern eher mit dem fundierteren, semantischen Web 3.0 Ansatz von Nova Spivack (dem Enkel von Peter F. Drucker) auseinander. O’Reilly stimmt ihm zwar nicht zu, erkennt aber dessen Potenzial durchaus an. Nova Spivack erklärt in einem Kommentar den Ansatz seines Unternehmens Radar Networks folgendermaßen:

At Radar we are taking a Web 2.0 approach to Web 3.0. Essentially we are making use of user-generated content and the wisdom of crowds, as well as statistical analysis, mining and machine learning. Combined we have something much more powerful than either on its own: a true platform for collective intelligence. The fact that we happen to store the data using the Semantic Web is a convenience — it makes our data more extensible and reusable by others. But ultimately the data itself comes from users.

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Web 3.0 – Das Web des gesunden Menschenverstands?

Web 2.0 ist tot, es lebe Web 3.0! Der Begriff Web 3.0, der einen signifikanten Versionssprung suggeriert, das nächste große Ding sozusagen, wurde bereits des öfteren bemüht. Vor kurzem hat ihn John Markoff mit seinem Artikel „Entrepreneurs See a Web Guided by Common Sense“ für die New York Times wieder einmal in den Ring geworfen. Wohl auf Grund der prominenten Platzierung löste er damit eine sehr lebhafte Debatte aus.

Markoff verwendet den Begriff Web 3.0 für die kommende, dritte Generation des Web, in der eine zusätzliche Ebene von Metadaten eingezogen wird, um intelligente Verknüpfungen über Inhalte und Bedeutungen herzustellen. Das Web soll dann weniger als Katalog, denn als intelligente Hilfe funktionieren, die präzise und detaillierte Antworten auf Fragen liefern kann.

But in the future, more powerful systems could act as personal advisers in areas as diverse as financial planning, with an intelligent system mapping out a retirement plan for a couple, for instance, or educational consulting, with the Web helping a high school student identify the right college.

Was Markoff als Web 3.0 verkaufen will, so der Tenor seiner zahlreichen Kritiker, läuft doch schon seit Jahren unter dem Begriff Semantic Web und Artificial Intelligence ist auch keine neue Erfindung.

Die folgende Auswahl an Beiträgen soll einen kleinen Einblick in den Stand der Diskussion geben:

Nicholas Carr, immer gut für eine kontroverse Aussage und ein bekennender Gegner von Web 2.0: „Personally, I’m overjoyed that Web 3.0 is coming. When dogcrap 2.0 sites like PayPerPost and ReviewMe start getting a lot of attention, you know you’re seeing the butt end of a movement.“

Mark Evans springt Markoff zur Seite und kontert Nicholas Carr’s Posting:
„Fortunately, the New York Times has come to the rescue of the restless Web elite by trumpeting the emergence of Web 3.0, which is described as the intelligent Web as opposed to the interactive Web.“

Alex Iskold hält sich raus und liefert pragmatisches Hintergrundwissen: „All agree however, that we will all be wonderfully more productive and simply happier when it [Web 3.0] arrives. Lets take a look at the ingredients, definitions and approaches to the Semantic Web so that we can recognize it when it is finally here.“

Robert Scoble wiederum legt seinen Beitrag komplett als Satire an und führt mit Web 2007 gleich den nächsten Hype ein: „So, tonight, we’re announcing Web 2007. It’s just like Web 2006 except it has more widgets. Works on Windows Vista (which will ship in 2007). Apple will make it better (they are shipping a new OS too).“

Ross Mayfield schließlich beurteilt den Begriff Web 2.0 schon kritisch, sieht aber komplett schwarz für Web 3.0: „Besides, Web 2.0 will be known as the name of a bubble. And 3.0 would only be a marketing disaster.“

Am Durchschnittsbürger wird diese Diskussion um die verschiedenen Versionsnummern des Web wahrscheinlich ziemlich spurlos vorbeigehen. Der Blogger John Cook ging in Seattle auf die Straße und sammelte Antworten auf die Frage: What is your definition of Web 2.0? Am besten gefiel mir diese:

Web 2.0? Web 2.0? I have heard that before. I think I have heard that somewhere. I think it costs money. I am not interested if it costs.

– Tracy Tame, a 59-year-old building inspector from Shoreline –

Eine Befragung in Deutschlands Fußgängerzonen würde wohl ähnliche Aussagen zu Tage fördern. Wie eine aktuelle und diesmal repräsentative Umfrage der Hamburger PR Agentur ZPR zu Akzeptanz und Verbreitung des Begriffs „Web 2.0“ herausfand, kennen ihn lediglich 6% der 16- bis 65-jährigen. Selbst bei dieser Gruppe gibt es aber noch deutliche Unklarheiten, was sich konkret dahinter verbirgt.

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