Andrew Keen vs. Sozialismus 2.0

Der Untergang des Abendlandes wurde schon oft angekündigt. Glaubt man Andrew Keen, steht er jetzt aber wirklich unmittelbar bevor. Schuld daran bist DU, die 2006 vom Time Magazine gekürte Person des Jahres. Anstatt anerkannten Experten die Bühne zu überlassen und einfach als Publikum zur Verfügung zu stehen, veröffentlichst DU lieber selber Beiträge in Blogs, Wikis und anderen sozialen (sozialistischen?, kommunistischen?) Medien. DU solltest endlich einsehen, dass DU mit deinem dilettantischen Tun den wirklich wichtigen, von den Gatekeepern der alten Medien ausgewählten Talenten und Professionals die Aufmerksamkeit und damit die Lebensgrundlage entziehst.

„Wer bitte ist denn Andrew Keen?“ fragst DU jetzt vielleicht.

Keen positioniert sich seit 2006 systematisch als Gegenspieler zu Web 2.0. Wie bereits andere Web 2.0 Kritiker vor ihm benutzt er eine Rhetorik, die direkt aus der Mottenkiste des Kalten Krieges stammt. Demokratische und partzipatorische Ansätze im Netz werden in solchen Zusammenhängen gerne mit Begriffen wie Kommunismus oder Bolschewismus belegt. Aber Vereinfachung und Polemik waren schon immer bewährte Mittel, um zu polarisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die braucht Keen nicht nur für sich, sondern vor allem für sein sein kürzlich erschienes Buch ‚Cult of the Amateur‘, in dem er auf 200 Seiten die katastrophalen Auswirkungen der zweiten Web Revolution für die Medien im Besonderen und unsere Kultur im Allgemeinen heraufbeschwört.

Seine Antagonisten sind die Vertreter des neuen Web. Vordenker wie Lawrence Lessig (Creative Commons), Chris Anderson (The Long Tail), Don Tapscott (Wikinomics), Dan Gillmor (We The Media) oder David Weinberger (Everything is Miscellaneous, Cluetrain Manifesto). Chris Anderson hat bereits 2006 im San Francisco Chronicle die Klinge mit ihm gekreuzt. 2007 sind David Weinberger und Andrew Keen bereits zweimal aufeinander getroffen. Anfang Juli dieses Jahres debattierten sie auf dem Podium der Supernova Konferenz und kurz danach auf Einladung des Wall Street Journals. Und weil sie jetzt schon so schön aufeinander eingespielt sind, treten sie im September auch gleich noch gemeinsam auf der PICNIC ’07 Konferenz auf. Sogar bei amazon.com werden ihre neuen Bücher als Doppelpack angeboten. Keen frotzelt darüber in seinem Blog:

Could Weinberger exist without me? Could I exist with him? Is this a publisher’s plot or just the public effluence of a bad marriage? Might we even be the same person, opposing sides of the same debate, arguing to generate sales of each other’s books. Oh dear, another mainstream conspiracy theory. First Stalin and Hitler, then Rumsfield and Saddam Hussein, now Keen and Weinberger. Do you think That I should alert the blogosphere about it?

Die Frage könnte auch lauten, braucht Andrew Keen Web 2.0? Ich würde sagen ja, weil er durch seine Opposition dazu überhaupt erst öffentlich wahrgenommen wird. Braucht Web 2.0 umgekehrt Leute wie Andrew Keen? Warum nicht? Fordert er doch die Protagonisten und Befürworter heraus, sich intensiver mit ihren Konzepten auseinanderzusetzen. Keen spielt hier eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so konstruktive Rolle wie Tom Davenport für die Enterprise 2.0 Evangelisten.

Was mich an der aufschlußreichen Diskussion im Wall Street Journal besonders beeindruckte, ist der unaufgeregte, sachliche und sehr differenzierte Stil, mit dem Weinberger seine Argumente vorträgt – frei von Ressentiments oder Polemik – und ausgerichtet auf eine positive Vision. Er hat nicht nur meine Sympathie, sondern auch das Schlußwort in diesem Beitrag:

Yes, Andrew, we are amateurs on the Web, although there’s plenty of room for professionals as well. But we are not replicating the mainstream media. We’re building something new. We’re doing it together. Its fundamental elements are not bricks of content but the mortar of links, and links are connections of meaning and involvement. We’re creating an infrastructure of meaning, miscellaneous but dripping with potential for finding and understanding what matters to us. We’re building this for one another. We’re doing it by and large for free, for the love of it, and for the joy of creating with others. That makes us amateurs. And that’s also what makes the Web our culture’s hope.

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Ein Gedanke zu „Andrew Keen vs. Sozialismus 2.0

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